Die Geschichten um Sherlock Holmes gehören zu den bekanntesten Werken der Kriminalliteratur. Arthur Conan Doyle schuf mit Holmes nicht nur einen außergewöhnlichen Detektiv, sondern auch eine ganze Reihe von Figuren, die seine Welt prägen. Einige begleiten ihn über viele Geschichten hinweg, andere treten nur selten auf, sind aber dennoch von großer Bedeutung.
Sherlock Holmes ist die zentrale Figur der Geschichten. Er lebt in der berühmten Wohnung 221B Baker Street in London und arbeitet als beratender Detektiv. Anders als gewöhnliche Polizeiermittler wird Holmes häufig dann hinzugezogen, wenn ein Fall besonders kompliziert oder rätselhaft erscheint.
Seine größte Stärke ist seine Beobachtungsgabe. Holmes achtet auf kleinste Details, die anderen Menschen kaum auffallen. Aus Kleidung, Haltung, Gebrauchsspuren an Gegenständen oder scheinbar nebensächlichen Verhaltensweisen zieht er weitreichende Schlüsse. Seine Methode bezeichnet er häufig als Deduktion.
Holmes ist hochintelligent, aber auch exzentrisch. Wenn ihn kein Fall beschäftigt, kann er gelangweilt, rastlos und teilweise selbstzerstörerisch wirken. Gleichzeitig besitzt er ein starkes Selbstbewusstsein und ist sich seiner Fähigkeiten sehr bewusst.
Obwohl Holmes oft kühl und distanziert erscheint, ist er nicht gefühllos. Besonders seine Freundschaft mit Dr. Watson zeigt, dass er durchaus starke persönliche Bindungen besitzt, auch wenn er diese selten offen zeigt.
Dr. John Watson ist neben Holmes die wichtigste Figur der gesamten Reihe. Er ist Arzt, ehemaliger Militärarzt und enger Freund von Sherlock Holmes.
Watson lernt Holmes zu Beginn von „A Study in Scarlet“ kennen. Beide suchen zu diesem Zeitpunkt eine günstige Unterkunft in London und ziehen gemeinsam in die Wohnung in der Baker Street.
Watson ist in vieler Hinsicht das Gegenstück zu Holmes. Während Holmes analytisch, distanziert und ungewöhnlich denkt, reagiert Watson oft so, wie es die meisten Menschen tun würden. Er ist emotionaler, sozialer und deutlich bodenständiger.
Diese Unterschiede machen Watson für die Geschichten besonders wichtig. Fast alle Fälle werden aus seiner Sicht erzählt. Die Lesenden erfahren deshalb meistens nur das, was Watson selbst beobachtet und versteht. Holmes‘ Gedankengänge bleiben zunächst verborgen und werden häufig erst am Ende eines Falls erklärt.
Watson ist jedoch keineswegs unintelligent. Er ist medizinisch ausgebildet, mutig und besitzt militärische Erfahrung. Holmes vertraut ihm und nimmt ihn regelmäßig zu gefährlichen Ermittlungen mit.
Vor allem dient Watson aber als menschliches Zentrum der Geschichten. Er bewundert Holmes, widerspricht ihm gelegentlich und sorgt dafür, dass der oft distanzierte Detektiv als Person verständlicher wird.
Mrs. Hudson ist die Vermieterin von Holmes und Watson in der Baker Street.
Ihre Rolle ist im Vergleich zu Holmes und Watson kleiner, dennoch gehört sie fest zur Welt der Geschichten. Sie kümmert sich um die Wohnung, bringt Mahlzeiten und empfängt Besucher.
Das Zusammenleben mit Holmes dürfte für sie nicht immer einfach sein. Holmes führt chemische Experimente durch, empfängt ungewöhnliche Gäste, spielt zu jeder Tageszeit Violine und nutzt gelegentlich sogar die Wände seiner Wohnung für Schießübungen.
Trotzdem zeigt Mrs. Hudson eine bemerkenswerte Loyalität gegenüber Holmes. Sie toleriert seine Eigenheiten und hilft ihm gelegentlich sogar bei seinen Plänen.
In vielen späteren Verfilmungen und Fernsehserien wurde ihre Rolle deutlich erweitert. In den ursprünglichen Geschichten bleibt sie eher im Hintergrund.
Inspector Lestrade ist einer der bekanntesten Ermittler von Scotland Yard in den Sherlock-Holmes-Geschichten.
Er arbeitet regelmäßig an Fällen, bei denen später auch Holmes hinzugezogen wird. Holmes hält Lestrade und viele andere Polizeiermittler für weniger intelligent als sich selbst und macht daraus auch kein Geheimnis.
Trotz dieser gelegentlichen Überheblichkeit entwickelt sich zwischen Holmes und Lestrade eine gewisse professionelle Zusammenarbeit. Lestrade respektiert Holmes‘ Fähigkeiten zunehmend und erkennt, dass dessen Methoden häufig Ergebnisse liefern, die mit traditionellen polizeilichen Ermittlungen nicht erreicht werden können.
Lestrade ist keineswegs völlig inkompetent. Er besitzt Erfahrung, Ausdauer und praktische Kenntnisse der Polizeiarbeit. Sein größtes Problem besteht eher darin, dass er Fälle konventioneller betrachtet als Holmes.
Dadurch entsteht ein wiederkehrendes Muster: Die Polizei konzentriert sich auf offensichtliche Verdächtige und Motive, während Holmes kleine Widersprüche entdeckt, die schließlich zur tatsächlichen Lösung führen.
Mycroft Holmes ist Sherlock Holmes‘ älterer Bruder.
Sherlock beschreibt Mycroft sogar als analytisch begabter als sich selbst. Trotzdem arbeitet Mycroft nicht als Detektiv. Ihm fehlt nach Sherlocks Ansicht die Energie und praktische Motivation, die notwendig wären, um komplizierte Ermittlungen durchzuführen.
Mycroft verbringt viel Zeit im Diogenes Club, einem Londoner Club für Menschen, die möglichst wenig soziale Interaktion wünschen.
Seine eigentliche Tätigkeit ist eng mit der britischen Regierung verbunden. In einigen Geschichten wird angedeutet, dass Mycroft aufgrund seines enormen Wissens und seiner analytischen Fähigkeiten eine außergewöhnlich wichtige Rolle im Staatsapparat spielt.
Die Beziehung zwischen Sherlock und Mycroft ist von gegenseitigem Respekt, aber auch von Konkurrenz geprägt. Beide wissen, wie intelligent der jeweils andere ist, und ihre Gespräche wirken häufig wie intellektuelle Duelle.
Professor James Moriarty ist Sherlock Holmes‘ berühmtester Gegenspieler.
Er wird in „The Final Problem“ als außergewöhnlich intelligenter Mathematiker und zugleich als Kopf eines riesigen kriminellen Netzwerks beschrieben.
Für Holmes ist Moriarty besonders gefährlich, weil er ihm intellektuell nahezu ebenbürtig ist. Moriarty begeht viele Verbrechen nicht persönlich. Stattdessen organisiert und kontrolliert er ein Netzwerk von Personen, die seine Anweisungen ausführen.
Holmes bezeichnet ihn deshalb sinngemäß als eine Art Napoleon des Verbrechens.
Der Konflikt zwischen Holmes und Moriarty erreicht seinen Höhepunkt an den Reichenbachfällen in der Schweiz. Dort kommt es zu einer Konfrontation, bei der zunächst der Eindruck entsteht, sowohl Holmes als auch Moriarty seien ums Leben gekommen.
Interessanterweise tritt Moriarty in den ursprünglichen Geschichten nur sehr selten direkt auf. Sein späterer Ruf als Holmes‘ großer Erzfeind entstand auch durch zahlreiche Theaterstücke, Filme und Fernsehserien, die seine Rolle stark erweiterten.
Irene Adler gehört zu den bekanntesten Figuren der Sherlock-Holmes-Welt, obwohl sie im Original nur in einer einzigen Geschichte eine zentrale Rolle spielt: „A Scandal in Bohemia“.
Adler ist eine ehemalige Opernsängerin und besitzt einen belastenden Beweis gegen den König von Böhmen. Holmes erhält den Auftrag, diesen Beweis zurückzuholen.
Doch Irene Adler erkennt Holmes‘ Plan und gelingt es, ihm einen Schritt voraus zu sein.
Gerade deshalb beeindruckt sie Holmes nachhaltig. Watson erklärt, dass Holmes sie später häufig als „the woman“ bezeichnet.
Diese Formulierung wird in späteren Adaptionen häufig romantisch interpretiert. In Conan Doyles ursprünglicher Geschichte steht jedoch vor allem Holmes‘ Respekt für ihre Intelligenz und ihre Fähigkeit im Mittelpunkt, ihn zu überlisten.
Irene Adler ist deshalb besonders wichtig, weil sie zeigt, dass Holmes keineswegs unfehlbar ist.
Mary Morstan tritt erstmals im Roman „The Sign of the Four“ auf.
Sie kommt zu Holmes und Watson, weil sie ein geheimnisvolles Problem lösen möchte. Seit Jahren erhält sie anonym wertvolle Perlen, nachdem ihr Vater unter ungeklärten Umständen verschwunden ist.
Im Verlauf des Falls entwickelt Watson Gefühle für Mary. Später heiraten die beiden.
Mary Morstan ist damit nicht nur eine Klientin, sondern wird Teil von Watsons persönlichem Leben. Durch die Ehe verändert sich zeitweise auch die Beziehung zwischen Watson und Holmes, da Watson nicht mehr dauerhaft mit Holmes in der Baker Street lebt.
Mary wird als intelligent, ruhig und sympathisch dargestellt. Sie bildet einen deutlichen Kontrast zu den ungewöhnlichen und oft gefährlichen Personen, denen Holmes und Watson während ihrer Ermittlungen begegnen.
Die Stärke der Sherlock-Holmes-Geschichten liegt nicht allein in den Kriminalfällen. Ein wesentlicher Teil ihrer Wirkung entsteht aus den Beziehungen zwischen den Charakteren.
Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zwischen Holmes und Watson. Holmes liefert die außergewöhnliche Intelligenz und die spektakulären Schlussfolgerungen, während Watson die menschliche Perspektive einbringt.
Lestrade repräsentiert die traditionelle Polizeiarbeit, während Holmes einen unkonventionellen Ansatz verfolgt. Mycroft zeigt, dass Sherlock selbst innerhalb seiner eigenen Familie nicht unbedingt die intelligenteste Person ist.
Irene Adler und Moriarty wiederum stellen zwei unterschiedliche Herausforderungen für Holmes dar. Adler beweist, dass Holmes überlistet werden kann, während Moriarty einen Gegner darstellt, der ihm intellektuell gefährlich nahekommt.
Mrs. Hudson und Mary Morstan sorgen schließlich dafür, dass die Geschichten nicht ausschließlich aus Verbrechen und Ermittlungen bestehen. Sie verankern Holmes und Watson in einem sozialen und alltäglichen Umfeld.
Sherlock Holmes ist zwar die zentrale Figur der Geschichten, doch erst die anderen Charaktere machen seine Welt vollständig.
Watson ist sein engster Freund und Erzähler der meisten Abenteuer. Lestrade verbindet Holmes mit Scotland Yard, Mrs. Hudson mit seinem Alltag und Mycroft mit seiner Familie. Mary Morstan erweitert Watsons persönliche Geschichte, während Irene Adler und Professor Moriarty Holmes auf ganz unterschiedliche Weise herausfordern.
Gerade diese Mischung aus Freundschaft, Rivalität, Respekt und Konflikten sorgt dafür, dass die Sherlock-Holmes-Geschichten weit über einfache Detektivgeschichten hinausgehen.